Gegen die Freiräume in euren Köpfen. Reclaim your Brain!
18. April 2012
Nur weil man zu etwas tanzen kann, ist es noch lange keine Revolution. Frei nach Emma Goldman stellt sich demnach die Frage, warum eine öffentliche Tanzveranstaltung unter dem Titel “Reclaim the Streets” großspurig die “Rückeroberung der Straße” einfordert.
Der kurze Aufruf bietet wenig Inhalt, dafür aber Kampfbegriffe wie “Freiräume”, “Antifaschismus”, zuletzt gar das Ziel eines selbstbestimmten Lebens. Wie dies mittels „lauter Musik, buntem Auftreten und ekstatischem Tanz“ erreicht werden soll, wird dabei nicht weiter ausgeführt. Die politischen Ziele der Aufrufenden erweisen sich dabei jedoch als leere Floskeln zur Beruhigung des linken Gewissens. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den gesetzten Themen findet nicht statt. Vielmehr äußert sich ein wutbürgerliches Unbehagen wenn der verselbstständigte “motorisierte Individualverkehr [...] den Einwohner_Innen Lebensqualität und Freiräume” vermeintlich weg nähme. Der Schluss daraus bedeutet: Weniger Verkehr gleich mehr “Freiraum”, welcher romantisierend zurückerobert wird, ergo in naher oder ferner Vergangenheit einmal bestand. Wünschen sich die Aufrufenden also eine Zeit zurück, in welcher nur jede/r Zweite wahlweise Trabant oder Wartburg fuhr und die Straßen demnach relativ leer waren. Kuschelige DDR Zeit? Dieser ominöse Freiraum, als freier Raum auf der Straße, welcher “künstlerisch-kreativ” genutzt werden will, ist bei genauerer Betrachtung nichts anderes als das infantile Begehren nach einer Spielstraße für die aktionistischen Weltverbesserer. Dort könnte dann auch “zu einem regelmäßigen Zeitpunkt in der Woche” eine demokratische Diskussion geführt, oder auch wahlweise mit Kreide gemalt werden. Dies zeigt recht deutlich, dass dem Aufruf jegliches kritische Potenzial vollkommen abgeht. Die Komplexität städtischer Entwicklungen unterm Diktat des sich selbst verwertenden Werts wird völlig übergangen. Als ob innerhalb kapitalistischer Sachzwänge ein selbstbestimmtes Leben überhaupt möglich und die Forderung nach Kreativität im bestehenden Rahmen nicht längst soft-skill in einer immer größer werdenden ‘Kreativbranche’ wäre.
Der Versuch an aktuelle städtische Diskurse anzuknüpfen gelingt ebenso wenig. Den gerade in Sachsen gescholtenen (bundesweit gesehen jedoch schon seit Jahren mehrheitsfähigen) Antifaschismus gälte es zu stärken. Ein Auftreten gegen menschenverachtende Ideologien und daraus resultierende Praxen ist zwar ein durchaus sinnvolles Ziel. Ein tanzender Mob wird jedoch weder etwas an Alltagsrassismus, nationalsozialistischen Untergrundorganisationen, der NPD im sächsischen Landtag oder antisemitischen Gedichten von ehemaligen SSlern in der Zeitung ändern. Die gewählte Route durch das ‘Szeneviertel’ Neustadt verdeutlicht dabei, dass dies auch nicht das Anliegen sein kann. Immerhin wird darauf Wert gelegt, dass innerhalb der Veranstaltung Übergriffe nicht geduldet und möglichst ausgeschlossen werden sollen.
Bleibt zuletzt noch das Argument, dass dieses ganze Spektakel ein kurzzeitiges hedonistisches Tanzvergnügen sein könnte. Im Rahmen dieser pseudo-politischen Agitationsveranstaltung mit der zu erwartenden Parteiwerbung ist jedoch selbst dies von der Hand zu weisen. Der mögliche Verweis auf ein kurzzeitiges Ausbrechen aus dem Zwang der Verwertung durch unbekümmerten Tanz und Ekstase greift zu kurz.
Die etwaige Flucht in den wummernden Beat der Musik kann nur ein minimales Entkommen aus dem Gefühl des Eingesperrtseins in der verwalteten Welt simulieren. Wenn die Musik wieder verstummt und der tanzende Mob sich entwirrt ist der oder die Einzelne wieder der oder die Vereinzelte. Oder um es in den Worten von Marx zu sagen: Erniedrigt, geknechtet, verlassen und verächtlich.
Anders als bei der wochenendlichen Dauerparty die nur mittels chemischer Hilfestellung zu bewerkstelligen und bei der die Bezeichnung des “Fun als Stahlbad” von Horkheimer und Adorno durchaus zutreffend ist, verhält es sich bei der zeitlich begrenzten “Nachttanzdemo” eher so, das politische Inhalte vorgeschoben werden um den Teilnehmenden eine Gesellschaftskritik zu verkaufen, welche nicht mehr als ein irrationales Aufbegehren ist.
Die Anwesenden Freunde und Helferinnen von Polizei und Ordnungsamt, welche die Kontrolle des Lautstärkepegels sicherlich peinlich genau ins Auge nehmen werden, zeigen dabei die Präsenz der Welt außerhalb des vermeintlich temporären Freiraums ebenso auf. Der Vorwurf, dass das Konzept RTS in dieser Ausführung seinem eigentlichen Ursprung beraubt wurde, kam dabei aus anarchistischer Perspektive ebenfalls auf. (Kommentar zur geplanten Nachttanzdemo der Linksjugend. Die Partei diktiert: Seid frei!)
Eine Debatte über die Aktualität und Notwendigkeit von Antifaschismus oder Ausschlussmechanismen einer kapitalistischen Städteplanung wäre sicherlich spannend. Die Tatsache allerdings, dass ein inhaltsloser Aktionismus reicht um politische Menschen auf die Straße zu locken, ist Anhaltspunkt dafür, dass man im ‘Tal der Ahnungslosen’ schon froh ist, wenn überhaupt mal irgend etwas passiert, was nach Bewegung klingt.